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Interview Teil IV

Die Fortsetzung des Interviews mit Arne und Rick in Hamburg.

Dirk&Jan Teil 1 Dirk&Jan Teil 2 Arne&Rick Teil 3

Selbsteinschätzung
Tx: Mal so ganz direkt: Sitzt ihr eigentlich auf einem Riesenberg Kohle?
Arne: Wir sind alle vier schwerreich... Geht so. Hält sich in Grenzen. Man muss nicht jeden Tag überlegen, wo das Geld herkommt, aber bis in alle Ewigkeit kann man davon auch nicht leben. Man wird ordentlich bezahlt, aber...
Rick: Man gibt es auch gerne aus.
Arne: Es rinnt auch durch die Hände.
Tx: Seht ihr euch als reine Musiker oder als Künstler, die zufällig das Medium Musik gewählt haben? Könntet ihr euch auch vorstellen zum Beispiel einen Film zu machen?
Arne: An sich hat man die Band angefangen in dem Bewusstsein, man könnte irgendwann auch alles andere machen außer Musik. Inzwischen denke ich schon, dass wir Musiker sind und das auch wirklich gerne macht, sonst würde ich nicht umsonst so viel Zeit damit verbringen. Es macht schon sehr viel Freude. Ich könnte mir kein Leben ohne Musik vorstellen. Das wäre sehr trostlos.
Rick: Ich fühl mich als Musiker am sichersten. Wenn ich Filme machen würde, bräuchte man ein ganz anderes Budget und man hätte nicht die Zeit, Sachen umzuändern. Man könnte nicht im Proberaum sitzen und herumarrangieren bevor man überhaupt etwas aufnimmt. Stell dir mal vor, du spielst mit Millionen von Dollar, da solltest du schon wissen, wie es im Endeffekt aussehen soll. Ich könnte nicht Regisseur werden. Und mit Kunst hatte ich immer das Gefühl, es ist Scheiße oder nicht. Ich habe früher mal gemalt ... mit zehn oder so. Habe mir auch überlegt, das zu studieren, aber das hat mir nie so viel Freude gemacht wie das Musikmachen. Das ist schon eher mein Traumberuf.
Tx: Wie sehr hängt ihr noch als Freunde zusammen rum? Oder hat sich das bei euch mittlerweile mehr als reine Band funktionalisiert?
Rick: Mal so, mal so.
Arne: Mal so, mal so, ja. Man nimmt sich schon auch Auszeiten. Wir sind ja alle nach wie vor befreundet und würde es diesen Freundschaftsaspekt bei der Arbeit nicht geben, dann würde man die Band auch nicht machen. Wenn man nicht befreundet wäre, würde man das auf diese Art nicht praktizieren. Dadurch, dass man auch beruflich miteinander zu tun hat, nimmt man sich auch Zeiten, wo man sich wenig sieht und bewusst Abstand hält, aber an sich ist man schon befreundet. Das ist die Basis, auf der das ganze Unternehmen funktioniert.
Rick: Ist echt so, als wäre man alte Freunde. Wenn wir auf Tour gehen, streiten wir uns so gut wie nie. Manchmal sieht man sich ein paar Monate nicht, aber dann klappt das trotzdem alles wieder. Dann verbringt man eine sehr intensive Zeit für dreißig Tage miteinander.
Arne: Und nach dreißig Tagen muss man nicht noch mal dreißig Tage miteinander verbringen. Ist so wie bei "Old Friends", einem Lied von Simon & Garfunkel, wenn man sich so ewig kennt und Jan kenne ich ja tatsächlich schon wahnsinnig lange, wenn man sich mal länger nicht sieht und sich trotzdem noch total gut versteht.
Tx: Rick, du bist jetzt ja Gitarrenhändler geworden. Wie wirkt denn das Lied "Hamburg rockt" auf dich, wo Gitarrenhändler ja gemeinhin als Schweine tituliert werden?
Rick: Da stimme ich total zu. Kann ich auch gut verstehen. In den 90er Jahren gab es echt nur scheiß Gitarrenläden und es gibt immer noch viele. Ich habe ja meinen Laden mittlerweile aufgegeben. Also das ist alles jetzt weg.
Arne: Du wolltest es ja besser machen. Du wolltest ja ein unschweinischer Gitarrenhändler sein.
Rick: Ich wollte endlich mal einen guten Gitarrenladen machen, aber das wollen die Leute nicht. Aber ich kann es total verstehen. Ich habe auch jahrelang versucht in Wuppertal ein Instrument zu kaufen und da kommt einer mit einem Pferdeschwanz an. Ich sage, ich will das und das Gerät haben und er erzählt mir "Das gibt's gar nicht." Und meinte, dass ich weiß, dass es das gibt, aber meine nur "Nee, nee, das gibt's nicht." Dirk wollte letztens ein Case bauen lassen bei einem der größten deutschen Musikgeschäfte. Er meinte "Ich habe die und die Verstärker mit einmal 15er Lautsprecher drin" und die meinten denn "Nö, das gibt's nicht." "Ich hab's aber!" "Nö, das kenne ich nicht." Wenn man es nicht kennt, dann gibt es das halt nicht. Die Typen sind echt schlimm.
Arne: Kann man immer wieder schreiben, das Lied.
Rick: Es gibt zwar inzwischen ein paar schönere Gitarren als vor zehn, fünfzehn Jahren, aber trotzdem wollen immer noch alle Leute "Stratocaster", "Les Paul" und "SG" und "Telecaster" spielen. Die vier sind anscheinend die einzigen Gitarren, die es auf dieser Erde gibt, also lass die mal machen.
Tx: Ist es wichtig für euch eine Bedeutung im deutschen Rock-Business zu spielen?
Rick: Nee. [Gelächter]
Arne: Darf nicht sein. Darf nicht wichtig sein.
Tx: Wie steht ihr nach der Best-Of-CD zu der Veröffentlichung einer Live-DVD?
Arne: Mal sehen. Nicht konkret.
Rick: Man will nicht, dass das uninspiriert wirkt. Die Leute sollen lieber zu den Konzerten kommen. Ich glaube, wir sind alle keine großen Fans der Live-CD oder Live-DVD. Es sei den man hat keine Möglichkeit, die Band zu sehen, weil es sie nicht mehr gibt wie die "Pixies" oder "Pavement".
Arne: Man denkt halt bei Live-Aufnahmen schon manchmal, dass das Konzert nicht so das tollste war und am Tag davor, wo man nicht aufgenommen hat, war es vielleicht viel geiler. Wir hatten auch schon mal Live-Aufnahmen gemacht, da hatten wir so zwei oder drei Konzerte aufgenommen, damit man die Auswahl hat, aber trotzdem ist man unzufrieden. Das finde ich wahnsinnig schwierig, das Format. Mal gucken, da ist konkret nichts geplant.
Rick: Das klappt eigentlich nur, wenn jemand mitfährt und alles aufnimmt, auch Backstage und das dann alles auf die DVD packt, aber das haben wir ja auch schon mal gemacht.
Tx: Und wie steht ihr zu Aufnahmen, die der WDR ab und zu macht, dieser Rockpalast?
Rick: Ganz ehrlich: Ich finde das klingt immer schrecklich. Ein alter Rockpalast aus den 80ern oder den alten Beatclub, wo die drei Mikrofone hatten, das war okay, aber heute kriegen die mit dem ganzen Equipment, was die da anschleppen, keinen vernünftigen Sound hinkriegen. Bayrischer Rundfunk ist, glaube ich, besser. Eigentlich darf man das gar nicht sagen, aber ich finde, der WDR sollte echt versuchen, das besser hinzukriegen, weil das früher echt ein Maßstab war. Bayrischer Rundfunk klingt immer noch okay, aber der WDR ist echt nix mehr.
Arne: Gerade bei diesem Rockpalast klingen die Bands echt schlimm.
Rick: Du machst deinen Fernseher an und alles, was du hörst, ist Gesang, Snare-Drum und die Gitarren klingen oft wie eine kleine Stechmücke, die herumfliegt. Das kann nicht sein, dass das nicht geht, dass es fett klingt.
Tocotronic im Wandel der Zeit
Tx: Es scheint uns, dass heute eure Intention Musik zu machen eine andere ist als damals. Habt ihr diesen Hass, der euch beschäftigte, oder die Sachen die euch damals Freude bereiteten, bewältigt?
Arne: Komplett durchtherapiert, von buddhistischer Gelassenheit. [Gelächter]
Tx: Bewegt euch denn heute etwas anderes als damals?
Rick: Das ist so eine einfache Ausdrucksform. Da kann man gut Morrissey zitieren, der sagt: "It's so easy to love, it's so easy to hate, but it needs strength to be gentle and kind." Ein starker Mensch ist also jemand, der sich nicht sofort aufregt und versucht, Sachen mit etwas Distanz zu sehen und das anders auszudrücken. Hass ist irgendwie einfach auch billig. Und ich glaube auch nicht, dass das unbedingt so Hass war früher, das hatte eher mit diesem Musikstil zu tun. Man kann genauso subversiv sein ohne laute verzerrte Gitarren zu spielen. In den 60ern hat das ja auch geklappt. Da haben die auf Akustikgitarren gespielt. Und ich glaube das lernt man auch.
Arne: Glaub ich auch.
Rick: Mit 20 will man halt alles mit dem Verzerrer spielen.
Arne: Da muss es ja auch laut sein. Wenn man eben ein Konzert spielt vor 20 Leuten will man ja einen Eindruck hinterlassen. Aber wenn da 1000 stehen und einen sowieso angucken, dann traut man sich irgendwann auch leisere Töne zu. Das ist eben die eine Sache. Und ich glaube unsere Aggressionen sind keinesfalls weniger geworden. Ist ja auch nicht so, dass man alles immer direkt in die Musik umsetzen muss. Manchmal macht man ja auch genau das Gegenteil als Ausgleich. Wenn man total zerrissen und aggressiv ist macht man extra ruhige Musik, weil einen das besänftigt. Und auf der neuen Platte ist das sowieso zu sehen, dass das mit unseren Aggressionen nicht viel besser geworden ist [Gelächter].
Tx: Ist das Bandgefühl noch das Gleiche wie früher?
Rick: Naja, ich war ja jetzt nur 7 Jahre dabei?
Arne: "Nur" 7 Jahre! Naja, es wäre irgendwie Quatsch zu sagen, dass es sich nicht verändert hat. Aber grundsätzlich ist dieses Gefühl gleich geblieben. Man professionalisiert sich so ein bisschen. Wenn man das lange macht kriegt man automatisch übung, auch darin sich zu organisieren oder miteinander umzugehen, man kennt sich besser und weiß oft schon vorher, was der Andere hat, oder so. Sowas erleichtert eben die Arbeit. Aber prinzipiell ist das alles noch recht ähnlich.
Tx: Ihr seid ja in den letzten Jahren alle in verschiedenen Solo-Projekten aktiv gewesen. Wie wichtig ist die Band heute für euch persönlich?
Arne: Das Wichtigste.
Tx: Wichtiger als die anderen Sachen?
Arne: Ja.
Rick: Ja, die Nebenprojekte schaffen eher so eine Art Bilanz oder so etwas. Manchmal will man eben ein bisschen andere Musik machen. Und damit schafft man dann so eine Art Ausgleich.
Tx: Die gehen ja alle in sehr verschiedene Richtungen. Inwieweit könnte man so kritisch sein und sagen, dass Tocotronic der kleinste gemeinsame Nenner ist?
Arne: Ja total, klar. Es klingt so, als wäre man ansonsten auf komplett unterschiedlichen Baustellen unterwegs, das ist ja nun auch nicht so. Aber natürlich ist Tocotronic irgendwie der Nenner und die Quersumme, die man dann findet. Und darüber definieren sich ja auch die Nebenprojekte. Dass man das was man bei Tocotronic nicht macht, dann eben in diesen Nebenprojekten unterbringt. Wenn man die Band nicht hätte, dann würde man vielleicht auch andere Sachen noch machen.
Tx: Euer Sound hat gewechselt von so einer Lofi-Leidenschaft zum Perfekt Pop. Wodurch ist das entstanden, war das euer Ziel, habt ihr gedacht: "Da wollen wir hin"?
Arne: Ja, wir dachten uns einfach, dass wir was Anderes machen wollen. Und dann macht sich Gedanken wie man das erzeugen kann. Und dann merkt man: Da muss man ja was für können! [Gelächter] Nach der K.O.O.K hat man ja so ganz klar einen Bruch hergestellt. Vor der K.O.O.K. war man an so einem Punkt, wo man gemerkt hat, dass man dringend was Anderes machen muss. Und nach der K.O.O.K. eigentlich noch mal. Dass man sich unwohl gefühlt hat in der eigenen Bandhaut. Zuerst ist das also schon so ein Unwohlsein-Gefühl was einen treibt und dann kommt das Konzept danach obendrauf, weil man halt so gerne in Konzepten denkt. Der ursprüngliche Auslöser ist also schon so ein Gefühl, was ich auch hoffe, dass wir das beibehalten, diese Intention, wo man merkt, dass irgendwas zu Ende ist. Das hat bisher immer gut geklappt bei uns, diese Intention, dass man merkt, wenn man unzufrieden wird und sich in was begibt, was zu langweilig und uninteressant wird. Ist ja auch gut so, wenn man diese Reibungen nicht hätte, würde man faul und nachlässig und die Musik langweilig werden.
Was wir schon immer wissen wollten, aber nie zu fragen wagten
Tx: Jetzt kommen wir zu einem Themenkreis abseits der Musik. Im Bezug zu euren Texten: Wo wollt ihr leben, wenn nicht hier?
Arne: In der DDR! Ich würde gern "nach drüben" gehen! [Gelächter] Ich will endlich nach drüben, aber das gibt's ja leider nicht mehr. Deswegen muss man die Frage leider unbeantwortet lassen.
Tx: Und im Hinblick auf den Albumtitel "Pure Vernunft darf niemals siegen": Welche Unvernunft ist denn am ehesten entschuldbar?
[Schweigen]
Arne: [räuspert sich] Puuuh.
Tx: Oder konkreter: Was war das Unvernünftigste was ihr je gemacht habt und worauf ihr vielleicht auch stolz seid?
Rick: Das ist schwer zu sagen, weil Vernunft eher was ist, was andere Leute vorgeben. Was vernünftig ist und was unvernünftig ist. Und so kitschig es auch klingt, wenn man seinem Herzen folgt, macht man glaub ich nie was Unvernünftiges. Das ist relativ und eben eine Geschmackssache.
[Schweigen] Rick [zu Arne]: Oder?
Arne: Jaja! [Gelächter] Naja, diese Sache mit der Vernunft ist glaub ich auch so etwas, was gar nicht so nah am eigenen Leben dran ist. Vernunft habe ich nie als Lebenshilfe genommen. Ich dachte immer, dass das eher so einen größeren Bezug hat, dass man eben sagen möchte: "Der Weg der Vernunft führt nirgendwo hin, das kann nicht der Einzige sein!" Und das merkt man eben bei sich selbst auch im Leben überall mal wieder.
Tx: Arne, erklär uns doch noch mal ein paar Sachen zu der Zeit vor Tocotronic. Wir sind da doch etwas verwirrt. Es gab da doch diese Bands "Meine Eltern" und "Punkarsch"??
Arne: Ja, zuerst gab es die Band "Meine Eltern", da hat Jan gesungen und ich hab Bass gespielt.
Tx: Und wer war da noch involviert?
Arne: Verschieden, da gab es wechselnde Mitglieder. Schlagzeuger war zum Beispiel mal Carsten Friedrichs von Superpunk. Viele wechselnde Mitglieder.
Tx: Und "Punkarsch" kam danach?
Arne: Genau. Da hab ich zuerst nur gesungen. Doch dann haben wir unseren Schlagzeuger wegen nicht zu tolerierendem chaotischen Benehmen rausgeworfen und dann musste ich Schlagzeug spielen und singen. Gleichzeitig!
Tx: Und Jan?
Arne: Der hat da schon Bass gespielt! Und Michael Skubsch von Kabeljau-Fanzine war an der Gitarre. Der ist den Leuten heutzutage wohl nicht mehr so bekannt.
Tx: Gibt es da denn auch Aufnahmen von?
Arne: Von Punkarsch haben wir noch ne 7" rausgebracht vor 2 Jahren! Und von "Meine Eltern" gab es nur einzelne Lieder, da haben Jan und ich mal selber einen Sampler gemacht mit verschiedenen Projekten. Und der hieß "Hunde tot machen". Da waren dann so ein paar Lieder drauf.
Rick: Und erschienen als??
Arne: Erschienen als Kassette natürlich!
Tx: Dann kommen wir jetzt zu ein paar politischen Fragen. Wie habt ihr diesen Flaggenwahn während der Fußball-WM wahrgenommen?
Rick: Beschissen.
Arne: Beschissen, ja, schrecklich! Obwohl manche Häuser hier in der Gegend ganz schick geschmückt waren. Mit allen Fahnen, die der Globus so hergibt, das war dann wiederum ganz schön. Aber dieser schwarz/rot/goldene Wahnsinn war schon eher schwer zu ertragen.
Rick: Einmal wurde mein Sohn Casper von der Kindertagesstätte abgeholt, der hatte sich da verabredet mit einer. Und dann rief die Mutter an und sagte: "Ach, die Kinder würden sich so gern schminken, mit Fahnen!" Und da war ich ganz verwirrt, das war irgendwie das erste Deutschlandspiel. Und dann wusste ich nicht? Sollst du das erlauben, oder nicht. Dann hab ich sofort meine Freundin angerufen und gesagt: "Hey, die wollen unserem Sohn eine deutsche Flagge ins Gesicht malen!" Naja, zum Glück hat Casper dann gesagt: "Nee, ich hab keinen Bock drauf!" Meine Freundin fand die Idee nämlich ganz okay, aber ich dachte so? Argh! Nein! [Gelächter]
Tx: Also habt ihr die Fußball-WM wahrscheinlich selbst auch eher weniger verfolgt?
Arne: Ich hab das total verfolgt und mir ganz viele Spiele angeguckt im St.Pauli Vereinsheim. Das war ne ganz schöne Atmosphäre da.
Tx: Warst du auch da, als Lehmann den entscheidenden Elfmeter gegen Argentinien gehalten hat?
Arne: Nein, die Deutschlandspiele hab ich mir lieber zu Hause ganz alleine mit zugezogenen Vorhängen angeguckt! [Gelächter]
Rick: Und ich hab mir - ganz peinlich - nur die USA-Spiele angeguckt.
Arne: Das war die Taktik bei dir.
Rick: Ich dachte mir ich steig beim Viertelfinale ein, dann hatte ich aber doch keinen Bock drauf, dann dachte ich, vielleicht das Halbfinale? Aber nee, ich hab letztendlich nichts geguckt. Vielleicht 10 Minuten des letzten Spiels, oder so. Aber ich komme ja auch nicht so aus einem Fußball-Land, ich darf das!
Tx: Von welchen Idealen hat euch die Lebenserfahrung in den letzten Jahren getrennt?
Arne: Von welchen Idealen?
Rick: Weltfrieden.
Tx: Nicht mehr?!
Rick: Achso, es geht um "nicht mehr"!
Arne: Hast du den Glauben verloren? [Gelächter]
Rick: Ich weiß auch nicht.
Arne: Ach? Da hab ich letztens erst drüber nachgedacht, ob ich insgesamt die Menschheit positiver oder negativer beurteil. Aber ich bin da zu keinem Ergebnis gekommen. Ich glaub das gleicht sich so aus. Manches hasst man dann mehr und manches nicht? Das bleibt glaub ich gleich bis ins hohe Alter. Und natürlich hat man Ideale. Und die sind gleich geblieben. Immer noch die selben wie früher. Aber diese Dringlichkeit wird weniger zum Glück.
Tx: Man wird gelassener.
Arne: Ja.
Tx: Jetzt zu unserer Lieblingsfrage, die Dirk letzte Woche eigentlich schon recht gut beantwortet hatte. Aber wir stellen sie einfach noch mal, weil die Frage so toll ist! Inwiefern ist denn die Flucht ins Irrationale als Protest gegen das Vernunftdiktat vertretbar, wo doch die Gefahr besteht, dass die Irrationalität als künstlerische Haltung und Weltanschauung ebenso zu einer reaktionären und menschenverachtenden Ideologie verleiten kann, wie der unbedingt Vernunftglaube in die Barbarei führen kann?
Arne: Wie war der Anfang jetzt noch mal?? [Gelächter]
Rick: Na, sag du mal.
Arne: Naja, es ist ja so, wir vertreten ja nicht die Flucht ins Irrationale, darum geht es uns ja nicht. Wir sagen "Pure Vernunft darf niemals siegen", was ja aber nicht heißt, dass man mit wehenden Fahnen die Flucht ins Irrationale antreten soll! Das ist nicht so ganz auf den Punkt. Und ansonsten?Also, darüber hinaus fällt mir jetzt wirklich überhaupt nichts ein! [Gelächter]
Tx: Ist doch vollkommen okay. Und inwiefern ist bei euch der Glaube an Gott oder irgendwas anderes überirdisches vorhanden?
Rick: No. Bei mir no.
Arne: Ich weiß auch nicht. Ich glaube an alles und kann mir alles vorstellen, ganz viel. Was natürlich auch nicht immer gut ist.
Tx: Und interessiert ihr euch für Wittgenstein?
Arne: Nee, kann ich nichts zu sagen. Wittgenstein?
Rick: Was ist das?
Arne: Nee, beim besten Willen, ich kann noch nicht mal mit einer Antwort blenden!
Lifestyle
Tx: Kommen wir zu den Lifestyle-Fragen. The place to be 2007: Hamburg, Berlin, oder was ganz Anderes?
Arne: Im Zug zwischen Hamburg und Berlin! [Gelächter]
Tx: Im ICE.
Arne: Ja, befürchte ich fast, dass das der place to be für uns sein wird.
Rick: Ich sag Hamburg.
Arne: Urlaub machen.
Rick: Ich mach keinen Urlaub.
Arne: Urlaub ist besser als Hamburg und Berlin zusammen. Irgendwo hinfahren wo die Sonne scheint.
Tx: Mallorca!
Arne: Zum Beispiel, genau. Das ist ja auch landschaftlich ne schöne Ecke.
Rick: Ich war vor etwa 2 Jahren da, doch wir haben Kakerlaken gehabt. Ich weiß nicht, ob ihr das kennt.
Arne: Kakerlaken, ja.
Rick: Ich hab die ganze Zeit nicht wirklich gut geschlafen. Außerdem langweile ich mich immer sehr schnell im Urlaub. Ich find es echt am schönsten, zu Hause zu sein und nichts zu tun zu haben. Besser als irgendwo hinfahren und mich am Strand braten zu lassen. Ich bin ja auch an so einem Strandort aufgewachsen, ich kann es einfach nicht ab, dieses Wasser und so. Ich verstehe nicht den Reiz, da in der Sonne zu sitzen. Ich hab eh eine Hautallergie. Ein kleiner Sonnenbrand und schon bricht alles aus, das ist nichts für mich. Lieber zu Hause sitzen und Gitarre spielen.
Tx: Okay, Rick, nach 7 Zigaretten seit Anfang des Interviews?
Rick: Hast du die gezählt?!
Tx: Ja!
Rick: Quatsch! Echt?
Tx: Ja. Damit hast du Dirk geschlagen, der hatte 6 zu diesem Zeitpunkt. Ist der Wille vorhanden, mit dem Rauchen aufzuhören?
Rick: Nee!
Tx: Es bleibt dabei.
Rick: Es schont meine Stimme. Ich arbeite schließlich am "Tom Waits", von daher? Irgendwie gefällt es mir, ich weiß dass es ungesund ist, aber mein Gott, Fahrradfahren ist ja auch ungesund. Und wenn man irgendwann schon nicht einmal mehr in den Kneipen rauchen darf, dann geh ich nicht mehr so oft aus.
Tx: Dann trefft ihr euch eben im Park oder so.
Rick: Ja. Obwohl, auf einem Spielplatz hier in Hamburg darf man schon nicht mehr rauchen. Ich steh an der freien Luft mit meinem Sohn und quäl mich sowieso schon, dass ich da rumhängen muss, auf diesem Spielplatz, mit etwa 80% mehr Frauen, weil es immer noch so ist, dass man der einzige Vater ist auf einem Spielplatz, und dann darf ich noch nicht einmal ne Kippe dabei anhaben.
Tx: Und Arne, das passt ja, dass du dir grad noch Zigaretten geholt hast. Du bist bei 5 Zigaretten seit Anfang des Interviews. Ist der Wille vorhanden, mit dem Rauchen aufzuhören?
Arne: Der Wille ist da, ja. Nur das Fleisch ist schwach. Also ja, ich hör öfter mal auf und fang dann wieder an. Aber demnächst werd ich auch mal wieder aufhören.
Tx: Ihr wolltet mal Teil einer Jugendbewegung sein. was kommt euch in den Sinn, wenn ihr an die heutige Jugend denkt?
Arne: Die Jugend von heute. Man traut sich so wenig ein Urteil zu. Nur man merkt, wie alt man tatsächlich schon geworden ist, wenn man mit Jugendlichen zu tun hat.
Rick: Ich finde, die sollen machen, was sie wollen. Weil man selber auch versucht hat, zu machen, was man will. Als wir selbst noch jung waren und es nicht mit Altersspießigkeit zu tun hatten. Ich würde mir einfach wünschen, die Jugendlichen würden radikaler werden. Vielleicht hat es was damit zu tun, dass alle Leute gegen einen Krieg sind, und deswegen sind auch die Jugendlichen gegen den Krieg. Das scheint mir mehr so eine modische Sache zu sein als da tatsächlich mit politischem Hintergrundwissen bei zu sein. Das hat man immer wieder.
Arne: Das glaub ich auch. "Die politisierte Generation". Das ist es immer, wenn Sachen über ganze Generationen gesagt werden, muss man schon vorsichtig sein. Die 68er zum Beispiel, man muss sich eingestehen, dass es da ganz viel um einen Riesenquatsch ging, der überhaupt nichts mit Politik zu tun hatte und eben ganz viele Trends dabei waren, die einfach von allen mitgemacht wurden. Ich glaub es gibt pro Generation so gewisse Menschen, die politisch interessiert sind. Und wenn in einer Generation diese Gruppen einfach lauter sind, ist so etwas auffälliger.
Rick: Man merkt ja auch von Generation zu Generation, dass man diese subversiven Subkulturen hat und dass das irgendwann nach 15 Jahren dann mal aufgegriffen wird. Das hätte mich vor einigen Jahren noch total genervt: "Ach scheiße, jetzt tragen die meine Klamotten!" Weißt du? Diese Art und Weise. Man baut was auf und dann wird das nur noch aufgeschnappt. Als ich 1992 in San Francisco gelebt hab, gab es schon solche Trendscouts. Die sind dann auf Indie-Konzerten rumgelaufen und haben sich die Leute angeguckt und sich angeschaut, was die anhaben und das in eine offizielle Produktion gebracht. Und das war vor 15 Jahren. Also langsam ist man das auch gewohnt, ich will ja jetzt nicht spießig sagen, dass die ihre Finger davon weglassen sollen. Aber wenn da so Sachen einfach nur noch aufgeschnappt werden, das nervt schon so ein bisschen. Da fehlt der Hintergrund, man kann nicht mehr so differenzieren. In den 80ern hat man das einfach noch gemerkt: "Okay, das sind meine Leute!" Man hat so einen Code gehabt. Auch wenn das nicht immer die klügsten Leute waren. Ich hab mir letztens den Depeche Mode-Film "101" angeschaut. Und da laufen teilweise echte Idioten rum, mit denen ich eigentlich wirklich zu tun hatte die ganze Zeit über. Aber das sind halt wirklich besondere Menschen auf dieser Erde. Heutzutage hat man nicht mehr diese Uniformen, das ist das einzige, was mich stört. Jetzt wo man wirklich alle Stilrichtungen der Mode bei H&M für 15&eur; kaufen kann. Ich bin jetzt aber auch nicht so, dass ich denke: "Okay, dann muss ich jetzt eben wilder aussehen, oder ich muss total spießig aussehen!" Das interessiert mich nicht. Aber es gibt eben einfach nicht mehr diese Codes an denen man identifizieren kann, ob die HipHop oder Indie oder Technomusik hören. Das hat sich alles zu so einem Matsch entwickelt.
Arne: Ja, das ist sehr unübersichtlich, wenn man in den 80ern aufgewachsen ist. Aber das ist eine gute Sache und man kann der heutigen Jugend wirklich nur wünschen, dass die nicht Teil einer Jugendbewegung sein will! Dass es eben keine Rolle spielt. Darum ja auch das Lied. Man hat es ja nicht geschrieben, weil man das so toll findet, sondern weil man sich geärgert hat, dass man sowas will und anscheinend in eine Gruppierung passen muss.
Rick: Ich glaub das ist in Amerika aber noch viel schlimmer als hier. Aber wenn man erwachsen wird, kann man endlich mal man selbst sein.
Arne: Und das ist das Wichtigste!
Tx: Sag mal, Arne, wo ist die Brille?
Arne: Zu Hause bestimmt. Ich trage Kontaktlinsen, früher auch Haftschalen genannt!
Tx: Warum, eitel geworden?
Arne: Ich wollte das schon immer und vor 10 Jahren oder so hab ich das dann gemacht. Hab ich das ausprobiert und gemerkt, dass das wahnsinnig praktisch ist. Wenn man Spaghetti kocht oder vom Kalten ins Warme kommt, beschlägt die Brille nicht. Kennt ihr ja vielleicht als Brillenträger.
Tx: Ja, ich hab Kontaktlinsen auch schon mal probiert.
Rick: Ich auch!
Tx: Und ich find das wahnsinnig schwer.
Arne: Ja, ist nicht leicht, sich da einfach so ins Auge zu fassen.
Rick: Ich hab die Harten gekriegt. Umsonst, weil ich eine Hornhautverkrümmung hab.
Arne: Aber Harte sind glaub ich auch? Also damit hätte ich nicht anfangen wollen.
Rick: Die ganze Zeit in Tränen rumlaufen ist ja auch nicht schön.
Tx: Emo!
Rick: Ja, stimmt. [Gelächter]
Neues Album
Tx: Nun zu eurer neuen Platte, von der wir ja bereits wissen, dass sie "Kapitulation" heißen wird. Welchen Anteil am Songwriting hatten die einzelnen Mitglieder? Wie viel Arne steckt da zum Beispiel drin?
Arne: Ich frage nicht nach meinem Anteil. Ich glaube, Anteile kann man da generell schwer festlegen. Vieles durchdringt sich irgendwie gegenseitig. Im besten Falle haben wir uns alle gegenseitig beeinflusst, sodass da durchaus etwas von allen beteiligten Menschen bei herausgekommen ist.
Tx: Mit welchem Erfolg rechnet ihr für das neue Album? Mal abgesehen von Chartplatzierung, sondern mehr im Sinne von Kritiken, Aufmerksamkeit oder Gesprächsthema.
Arne: Alles. Die volle Aufmerksamkeit. Man will ja im besten Falle schon hundert Prozent Aufmerksamkeit dafür haben, wobei man natürlich erschrocken wäre, wenn es tatsächlich passieren würde, aber da es für einen selber ein sehr großes Thema ist, soll es ruhig für alle anderen auch so sein.
Tx: Wird aber schwierig zu toppen sein nach dem Tagesthemenbeitrag zur "Puren Vernunft"-Platte.
Rick: Na ja, bei "Wetten, dass ??" waren wir noch nicht...
Arne: Wenn es irgendwo dazwischen wäre, wäre das schon okay. Mal gucken.
Tx: Wir würdet ihr das neue Album mit nur drei Worten charakterisieren?
Rick: Das kann man kaum, sein eigenes Werk beurteilen und zusammenzufassen. So etwas finde ich nicht gut. Mir fällt auch nix dazu sein.
Arne: Ja, ist schwierig. Einmal ist uns das geglückt, einen guten Werbeslogan zu erfinden bei der "K.O.O.K." mit "Volle Power! Depression! Aberwitzig! Postmodern!" Das war mal ganz gut, aber beim jetzigen Album ist uns noch nichts eingefallen.
Tx: In welchem Verhältnis standen Song und Sound bei der Produktion des neuen Albums? Was war euch wichtiger?
Rick: Beides gleichermaßen eigentlich.
Arne: Beides ist total extrem wichtig gewesen. Schwer zu sagen?
Rick: Wir haben schon mehr herumgespielt mir den Sounds. Beim letzten Album hatten wir ja doch eher so eine Dogmaplatte und dieses Mal waren wir echt ein bisschen offener. Bei der Letzten hat Arne die ganz Zeit das gleiche Schlagzeug gespielt, ich hatte nur zwei Gitarren benutzt und Dirk nur drei, dazu mit die gleichen Pedale. Dieses Mal haben wir schon mit dem Soundbild ein bisschen mehr herumprobiert. Aber es ist letztlich beides wichtig. Egal, ob man mehr oder weniger bei einer Platte macht. Bei der Letzten wollte man halt weniger machen, trotzdem war die Soundsache wichtig. Man kann nicht sagen, dass das eine wichtiger als das andere ist.
Tx: Welches Album mögt ihr abgesehen vom neuen am liebsten?
Rick: Ich mag eigentlich "K.O.O.K." am liebsten.
Tx: Obwohl du da noch nicht dabei warst?
Rick: Ja, schon. Bei der neuen sind wir echt ein Stück weiter gegangen als bei der letzten, welche ich auch eigentlich gar nicht so oft angehört habe. Wir sind ja sofort auf Tour gegangen, haben Festivals gespielt und davor geprobt. Da hat man sich die Sachen gar nicht zuhause anhören können. Und nach eineinhalb Jahren Tour hört man sich die Sachen immer noch nicht an, weil man die gerade eineinhalb Jahre live gespielt hat und in und auswendig kennt. Ich kenne die letzte Platte so gut wie gar nicht als Platte. Vielleicht, wenn ich ab und zu in die Kneipe gehe, laufen da einzelne Lieder und ich denke "Mensch, eigentlich gar nicht schlecht die Platte", aber ich sitze nicht zuhause und hör mir die an, weil das immer noch so nahe dran ist und ich keine Distanz zu der Platte habe.
Tx: Wie ist es bei dir Arne?
Arne: Ich würde sagen, die letzte Platte ist immer die, die man am liebsten mag. Ich habe zu einer Freundin gesagt, wie wir gerade aus dem Studio kamen "Die ist Wahnsinn geworden! Eine Wahnsinnsplatte! Das ist Tocotronic genau auf den Punkt. Da ist alles drin wie bei einem ,Best-Of-Ever'" und dann meint sie so: "Das sagst du doch bei jeder Platte." [Gelächter] So ist das glaube ich.
Tx: Also war "Pure Vernunft" bisher dein liebstes Album?
Arne: Total, ja. Bei den alten kann ich es echt nicht wirklich sagen? "K.O.O.K." ist so ... da ist wahnsinnig viel drauf.
Rick: Da spielt man auch die meisten Lieder von.
Arne: Da haben wir auch sehr viel rein gesteckt.
Tx: Welche Meinung haben Tocotronic 2007 von Tocotronic 1994?
Arne: Wenn man das erzeugen könnte, dass man sich jetzt in dem damaligen Stadium auf der Bühne sehen könnte, würde man das glaube ich grauenhaft finden. Aber auch nur deshalb, weil man das mal gemacht hat. Andererseits kann ich das auch verstehen, was Rick meinte, wenn man alte Platten hört und sich freut, wie aktuell das immer noch ist und wie viel man davon immer noch unterschreiben kann.
Tx: Was denkt ihr, welche Meinung Tocotronic 1994 von Tocotronic 2007 haben?
Arne: [lange Pause] Das ist noch schwieriger zu beantworten.
Tx: Würden die auch im Publikum stehen und sagen: "Was für ein Scheiß!" oder eher "Hey cool"?
Arne: Kann ich mir echt nicht? ist ganz schwer zu sagen. Ich kann mir echt viel vorstellen, aber das kann ich wirklich nicht beurteilen. Vielleicht? nee, das ist echt zu schwer.
Tx: Dann zur letzten Frage: Wann glaubt ihr, fliegt der ganze Schwindel auf?
Arne: Mit dem Gedanken stehe ich immer auf.
Rick: Er ist schon längst aufgeflogen, oder?
Arne: Sobald das Interview erscheint. Dann ist die Katze aus dem Sack.

Dirk&Jan Teil 1 Dirk&Jan Teil 2 Arne&Rick Teil 3

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