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Interview Teil II

Die Fortsetzung des Interviews mit Dirk von Lowtzow und Jan Müller in Berlin.

Teil 1 Arne&Rick Teil 3 Arne&Rick Teil 4

Interpretationsfragen
Tx: Kommen wir jetzt noch mal zu eurer Kunst, nämlich den gefürchteten Interpretationsfragen. Wir wollen jetzt nicht zu jedem Lied eine Erklärung haben, aber es gab so ein paar, die bei uns im Forum in letzter Zeit so ein bisschen heraus stachen.
Dirk: Na schießt mal los.
Tx: Über Folgendes wurde wirklich sehr viel diskutiert. Hat der Song "Gehen die Leute" metaphorische Ebenen oder nicht?
Jan: [zu Dirk] Ich gebe mal an dich weiter.
Dirk: Ja, Reich−Ranicki. Also die direkte Ebene ist, ich bin sehr ungeduldig und kann es tatsächlich nicht leiden, wenn man irgendwo schnell geht durch die Straßen, ich geh immer sehr schnell. Und wenn man so Engpässe hat, man kennt das bei Rolltreppen, so etwas macht mich wahnsinnig. Das ist die ganz direkte Ebene, über die wir das Stück geschrieben haben und natürlich war es auch beeinflusst durch, ich glaube, wir haben das auch im Booklet zum Best−Of geschrieben, durch die Lektüre von Leuten, die sich dich "Situationistische Internationale" nannten und die Theorie des Umherschweifens erfunden haben. Das heißt, sich die Stadt als solche aneignen und zum Freund machen und Wege finden, wie man ein spontanes Erleben durch dieses Rumrennen haben kann. Also gegen Stadtpläne arbeiten. Und das war so ein bisschen der Überbau dabei, würde ich so sagen. Guy Debord hieß der Mann, der maßgeblich für die Gründung dieser Kunstgruppe verantwortlich war.
Tx: Und der später dieses Lied mitverantwortet hat?
Dirk: Ja, das war so ein bisschen der Überbau, aber zu neunzig Prozent ist es einfach mal so weggeschrieben aus Ärger. Ich muss mir gerade den Text noch mal vergegenwärtigen. Das heißt dann am Schluss: Ständig halten sie an und verhindern, dass wir vorwärts kommen. Natürlich wenn man ein Wort wie "Vorwärtskommen" benutzt, hat das immer eine metaphorische Ebene. Zum einen, das es sich um das "Vorwärtsgehen" handelt, aber natürlich ist es an sich auch schon metaphorisch im Sinne von "sich verändern" und "weiter ...".
Tx: Ich persönlich habe es nicht so empfunden, wie es oft gesagt wurde, dass man den Song als gesellschaftskritisch ansehen muss und die Gesellschaft verhindern will, dass Ich weiterkomme, sondern ich habe gefragt, warum darf Tocotronic nicht auch mal eins zu eins so eine Wut beschreiben darf. Das macht ja auch Tocotronic aus, dass allein der Moment einen tierisch aufregt und das dann in den Text mit einfließt und der dann auch ziemlich schnell steht.
Dirk: Ich glaube, die Schönheit, die entstehen kann, ist immer beides. Das ist auch das, worüber wir vorhin geredet haben. Es gibt auch in diesen ganz frühen Liedern wahnsinnig viel Überbau, der da auch immer mitgedacht war, aber es gibt auch einen ganz direkten Ausdruck und diese Verbindung von beidem ist das eben. Gründsätzlich haben wir auch ein bisschen etwas gegen Interpretationen, weil wir das Gefühl haben, dass es zu sehr wenig führt. Es gibt einen sehr berühmten Aufsatz von Susan Sontag "Gegen Interpretationen" ... man hat immer das Gefühl, man kann mit einem Handwerkszeug an solchen Sachen herumfuhrwerken, dann kommt man vielleicht auch auf etwas, aber so what.
Tx: Aber es lässt sich ja nicht vermeiden. Ihr seid ja gerade Anstifter dafür teilweise.
Dirk: Ja, das macht auch Spaß, aber ich glaube, dass das mehr Spaß auf eurer Seite macht.
Jan: Aber für einen selber ist es halt echt die Hölle auf gut deutsch gesagt, weil wir als Band eben sehr textorientiert gehört werden und es ist einfach nicht unser Job, das zu erklären eigentlich. Wir machen es ja dann doch immer bei jedem Interview, aber ich finde das immer ein bisschen entweihend. Man neigt auch dazu, die Hörer zu unterschätzen und wenn man immer Sekundärliteratur dazuliefern muss, dann spricht das auch irgendwie gegen die Musik und den Text. Aber macht mal weiter, mal sehen, was da noch kommt.
Tx: Desweiteren wurde diskutiert, worum es in "Schritte auf der Treppe" geht.
Dirk: Das kann ich überhaupt nicht sagen, worum es da eigentlich geht. Das kann ich nicht.
Tx: Du hast bei einem Live−Auftritt mal gesagt, es sei ein Lied über Kindheit.
Dirk: Am ehesten ja. Es geht so ein bisschen um das freiheitliche Gefühl, was man hat, wenn man als Kind alleine zu Hause ist. Es hat auch ein bisschen etwas mit dem situationistischen Gedanken zu tun, weil man plötzlich die Wohnung oder das Haus der Eltern sich aneignen kann, man machen kann, was man will. Und in dem Moment, wo man hört, wie die Eltern wieder nach Hause kommen und man die Schritte auf der Treppe hört, ist dieses Gefühl unterbrochen. Dann ist man plötzlich wieder Kind und muss sich diesen Dingen wieder unterordnen. Das klingt auch so ein bisschen platt psychoanalytisch.
Tx: Das gibt schon eine Menge Stoff für weiterführende Diskussionen... Dann zum berühmten Satz "Es gibt nur cool und uncool und wie man sich fühlt." Was hat es damit auf sich? Es wird ja auch so besonders hervorgehoben, ohne Instrumente, nur mit Gesang.
Dirk: Da ist halt auch ein bisschen das Problem, der Satz sagt eigentlich alles. Das hat so etwas Tautologisches, überflüssige Sätze noch einmal zu erklären, also der Witz daran besteht ja gerade, dass man etwas so weit einkocht ... dadurch werden ja Sachen zur Kunst, dass der Satz am Ende übrig bleibt und wenn man dann wieder anfängt, ewig darüber zu reden...
Jan: Entweder man reagiert darauf, indem man lacht oder halt nicht, aber er wird auch nicht witzig, wenn man ihn dann erklärt, wird auch kein Lachen dann hervorrufen.
Dirk: [scherzhaft] "Der Witz und seine Beziehung zum Unterbewussten" von Freud. Aber das ist echt das beste Beispiel, der Witz.
Tx: Ist der Satz "Ich habe Stimmen gehört" als Eingeständnis einer Psychose anzusehen?
Dirk: [lachend] Die Daumenschrauben werden angelegt. [ernsthaft] Nein.
Tx: Sondern?
Dirk: [lange Pause] [lachend zu Jan] Sag doch mal was.
Jan: Für mich ist es eine ganz komische Situation. Als Nicht−Textverfasser habe ich natürlich überhaupt keine Lust den Text von Dirk zu interpretieren. Da soll sich jeder seine eigenen Gedanken zu machen.
Tx: Okay, das können wir so stehen lassen. Vom Ende welcher Nacht erfährt der Ich−Erzähler in "Das Geschenk"?
Dirk: Das ist ein strukturelles Problem
Jan: Man kann es echt nicht so machen. Wie ich vorhin meinte mit dem Witz, man nimmt halt einfach die Schönheit daraus.
Dirk: Es ist ganz einfach auch eine Jobverteilungssache, so blöd das klingt. Es gibt ja Leute die schreiben, ich will mich jetzt nicht in die Reihe einreihen, aber es gibt Leute, die schreiben Gedichte und es gibt Leute, die interpretieren Gedichte, aber es gibt wenig Leute, die schreiben und interpretieren ihre eigenen Gedichte. Das hat auch einen ganz guten Grund. So würde ich das einfach stehen lassen.
Tx: Das ist voll in Ordnung. Diese Antwort haben wir bereits bei der ersten Frage erwartet, also sind wir jetzt nicht böse deswegen.
Dirk: Wenn der Autor seine eigenen Sachen interpretiert, kommt da nur Scheiße bei raus.
Tx: So schlecht waren die Antworten bisher nicht.
Dirk: Man schreibt ja deshalb ein Gedicht, weil mein kein Traktat verfassen will. Wenn man dann hinterher ein Traktat macht, dann beißt sich die Katze in den Schwanz.
Tx: Wir haben aber durchaus noch ein paar Fragen, die ihre Berechtigung haben. Das Buch hier kennst du sicherlich, Dirk? [Anmerkung: "Bouvard und Pecuchet" von Gustave Flaubert] Wir sind darauf hingewiesen worden, dass der zweite Absatz gleich der ersten Seite ...
Dirk: Das musste ja kommen...
Tx: ... also man kann fast nicht mehr von inspiriert sprechen...
Dirk: Ja, es ist geklaut, aber es ist doch das Schönste überhaupt. Warum selber ausdenken, wenn man auch stehlen kann?
Tx: "Talent borrows, Genius steals", genau.
Dirk: Wie Oscar Wilde schon gesagt hat, genau.
Tx: Stört dich das, wenn man das weiß als Hörer?
Dirk: Nein, macht die Sache ja noch viel schöner.
Tx: Gibt es mehr solcher Anleihen? Es gibt wohl irgendetwas von Thomas Bernhard mit "Samstag ist Selbstmord".
Dirk: Ob der das so direkt gesagt hat, weiß ich nicht.
Tx: Aber es gibt etwas über das Wochenende.
Dirk: Ja, "Der Keller".
Jan: So macht es doch Spaß sich mit Kunst, in welcher Form auch immer, auseinanderzusetzen. Man surft da quasi von einer Sache zur anderen, entdeckt dann das, dann kommt man auf Flaubert. Der wiederum bezieht sich auch auf etwas. Die Sachen schöpfen ja nie nur aus sich selber.
Dirk: Der hat ja auch nur alles zusammengeklaut. Das ist halt so ein philosophisches Problem. Was ist der Autor? Ich war immer der Auffassung, der Autor als solcher ist nicht so relevant. Das ist halt so ein ewiges sich speisendes Ding, wo es tausende Einflüsse gibt. Dieses genuine Schaffen interessiert mich eigentlich nicht so. ... Also das war einfach abgeschrieben. Ist ja aber auch nicht so uninteressant, wie man so etwas zu einem Lied machen kann.
Tx: Klar. Wir wollen ja auch nicht dadurch sagen, dass das Lied dadurch schlechter ist oder die Vorleistung schmälert. Mich interessiert halt persönlich, ob dich das jetzt peinlich berührt?
Dirk: Überhaupt nicht. Ich finde es schön und schmeichelhaft.
Tx: Beim letzten Album hat es nicht mal eine Woche gedauert, bis im Forum schon so fünf Querverweise auf andere Bücher da waren. Da sind also schon Leute richtig hinterher, um solche Sachen aufzudecken. Mich wundert, wie schnell das geht, weil auf so einen Flaubert kommt man ja auch nicht so ohne weiteres.
Jan: Das sind natürlich auch Missverständnisse oder Zufälle, wenn Zitate entdeckt werden, die von Dirks Seite gar nicht daher kommen. Aber ich finde das spannend.
Dirk: War auf jeden Fall gut gemacht mit "Sagt dir dieses Buch etwas?" [Gelächter] Ich find aber, dass das Internet wirklich ein gutes Medium dafür ist. Es sind ja auch, wenn ein neuer Roman von Thomas Pynchon rauskommt, alle Foren dieser Welt voll mit Querverweisen. Das ist schon eine große Leistung.
Jan: Das, finde ich, ist auch das Schöne an solchen Seiten, weil ich ja erst darüber sprach, was ich blöd an solchen Seiten finde. Das beeindruckt mich schon, auch wie schnell das dann immer geht. Wo nehmen die Leute die Zeit her und die Energie?
Dirk: Hat so etwas angenehm "Nerdiges".
Tx: Uns beschäftigt schon lange, ob bei dem Lied "Nach Bahrenfeld im Bus" der Wortwitz mit "Nachbarin fällt im Bus" so beabsichtigt war?
Dirk: Das war nicht so gemeint, nein. Das ist halt so ein phonetischer Gleichklang, der uns erst aufgefallen ist, nachdem jemand uns das gesagt hat... oder wir sind froh drum gewesen. Das war nie so gemeint. Schlimm finde ich, dass man es seitdem nicht mehr anhören kann. Das ist so ähnlich wie bei "Rettet die Robben" bei "Let there be rock".
Tx: Und mit den "drei Säulen" bei "Jackpot" oder teilweise auch "drei Säue".
Dirk: "Drei Säue" ist natürlich sehr schön, ja. Aber natürlich heißt es "Sonnen". Es geht doch um das Geldspielgerät.
Tx: Ja, das wurde bei der englischen Version dann auch zweifelsfrei aufgeklärt.
Dirk: [lachend] "Drei Säue" ...
Stephan: Habe ich aber auch erst verstanden, ehrlich gesagt. [lacht] Was ich aber auch ganz toll fand, denn mit "Säulen" ist es doch viel schöner als "Sonnen".
Dirk: Also so ein Missverständnis... da sind wir immer dafür.
Tx: Was haltet ihr davon, wenn im Deutschunterricht in der Schule "Pure Vernunft darf niemals siegen" und andere Lieder von euch in der Romantikeinheit interpretiert werden und unter anderem mit Gedichten von Novalis verglichen werden?
Dirk: [ironisch] Durchaus angemessen! [Gelächter]
Jan: Ich finde es zum Kotzen ehrlich gesagt, weil ... das ist so eine Anti−Schulhaltung. Das kann einem auch schnell was verderben. Es befremdet einen, dass man dann schon so einen hohen Grad an Etabliertheit erreicht hat. Also vom rein Emotionalen her, habe ich da ein sehr schlechtes Gefühl.
Dirk: Ich schließ mich an. War nur ein Witz. Die Sachen, die im Deutschunterricht durchgenommen werden, findet man in der Regel nicht so doll. Gut ist, was nicht durchgenommen wird oder die Lehrer den Schülern verbieten.
Jan: Man muss andererseits auch sagen, unsere Schulzeit ist schon so lange her, da hat sich wohl auch grundsätzlich etwas geändert in der Zeit.
Dirk: Vielleicht lesen sie jetzt im Englischunterricht auch Burroughs oder so. Vielleicht schauen sie auf Fassbinder−Filme.
Jan: Man ist ja nun eine Rockband und nicht, wie Dirk ein Dichter. Das Werk wird ja dann auch auseinander gerissen. Das funktioniert ja erstmal als Song und nicht als Gedicht. Ist zwar auch schön, wenn es auch als Gedicht funktioniert, aber irgendwie verschafft einen das ein bisschen das Gefühl des Unbehagens.
Dirk: Dem würde ich mich anschließen.
Tx: Das Lied "Keine Angst für niemand" scheint einen offenen Bezug zu "Ton, Steine, Scherben" zu haben. Hat euch Rio Reiser beeinflusst?
Dirk: Nein, mich nicht so.
Tx: Also eher doch Kurt Cobain?
Jan: Also bei "Ton, Steine, Scherben" ist das fast wieder so, wie bei der vorigen Frage. Das ist erschreckend, wie das Kulturgut geworden ist und wie das gedeutet wird. "Rio Reiser ist einer unsere deutschen Dichter", also da krieg ich wirklich das große Reihern, wenn ich das höre, weil hat ja nun auch so einen kritischen Hintergrund, aber ich denke mal, wir sind sehr wenig von der Band beeinflusst, aber natürlich ist jeder, der irgendwie Musik macht, irgendwie auch durch "Ton, Steine, Scherben" beeinflusst, aber wir noch am allerwenigsten.
Tx: Und noch ein Kurt Cobain−Statement?
Dirk: Da habe ich es ehrlich gesagt auch nicht so mit. Ist nicht so mein Fall.
Tx: Wobei der Vergleich ja damals mal da war.
Jan: Das war so ein plakativer Vergleich damals, da wird dann auch so viel draus gemacht und draus konstruiert. Das war mehr so ein Gag. Wir waren drei Leute, "Nirvana" waren drei Leute, wir hatten verzerrte Gitarren und die auch. Da liegt so ein Vergleich schnell auf der Hand.
Dirk: Wir klangen eher wie "Nirvana" als wie "Metallica". Und damit hat sich es dann auch. Ich habe gerade diesen Gus van Sant Film gesehen, "Last Days", der sich so sehr auf den bezieht und diese Mystifizierung von Kurt Cobain als so ein Opfer der Umstände und der Drogen und der Musikindustrie, geht mir ehrlich gesagt ziemlich am Arsch vorbei, weil ich irgendwie denke, dass es auch eine gewisse Dummheit ist, sich da so reinfallen zu lassen. Der hat tolle Lieder geschrieben und war ein toller Sänger und bestimmt auch ein toller Musiker, aber diese ganze Haltung ... da kann ich nicht so drauf, dieses total Selbstzerstörerische. Da ist ein gerüttelt Maß an Dummheit auch ...
Jan: Die psychische Krankheit, die da im Vordergrund steht.
Dirk: Ich finde dieses Ikonenhafte, früher war es halt Janis Joplin, das hat so immer dieselbe Struktur, dieses Märtyrerhafte.
Selbsteinschätzung
Tx: Mal ganz direkt: Sitzt ihr eigentlich auf einem Riesenberg Kohle inzwischen?
Jan: Nee.
Dirk: Leider nicht. Schön wär's!
Jan: Das kommt jetzt vielleicht ein bisschen kokett rüber. Also, wir können schon leben von der Musik, das war's dann aber auch. Notfalls kann man sich das ja an den Verkaufszahlen auch ausrechnen. Man wird durch Musik eben so schnell nicht reich.
Dirk: Wir verkaufen im Schnitt 50.000 Platten. Und z.B. Wir sind Helden verkaufen 500.000. Da kann man sich dann ja ungefähr ausrechnen, wie da so die Relationen sind.
Tx: Aber ist die "Digital ist besser" nicht mittlerweile auch schon bei 100.000 angekommen, über die ganzen Jahre hinweg?
Jan: Ich weiß es nicht so genau, aber vielleicht 75.000 oder so. Wir sind in der Öffentlichkeit vielleicht schon eine sehr einflussreiche Band gewesen, aber das Geld kassieren andere ab, das ist nun mal so. So war es schon immer, so wird es auch immer sein. Mal sehen wie es weitergeht, bisher war es zumindest so.
Tx: Seht ihr euch als Musiker oder eher als Künstler, die zufällig dieses Medium gewählt haben? Könntet ihr euch auch vorstellen, z.B. mal einen Film zu machen?
Jan: Ich könnt mir jetzt nicht vorstellen, mal eben einen Film zu machen, weil das glaub ich ziemlich schwer ist. Aber man könnte sich schon vorstellen, dass man woanders hingegangen wäre. Die Form, dass man jetzt Musik macht, ist eben einfach nur die Form. Man könnte sich sicherlich auch anders ausdrücken, da hätte man dann nur eine andere Abzweigung nehmen müssen.
Dirk: Ja, so würde ich das auch sehen. Wenn man was Anderes machen müsste, dann könnte man das sicherlich auch.
Tx: Hängt man eigentlich untereinander noch als Freunde ab, oder hat sich das schon sehr zu einer Band funktionalisiert?
Dirk: Man hängt schon sehr viel miteinander ab. Das lässt sich schwer trennen.
Jan: Ja, das kann ich auch ganz allgemein zu meinem Leben sagen. Es ist irgendwie alles verbunden immer. Das ist es ja auch, was als sehr schön empfunden wird, wenn die Arbeit nicht dem Brotverdienen dient, sondern erfüllend ist. Das zu trennen geht gar nicht.
Dirk: Wenn wir so eine Art Zweckgemeinschaft wären, dann würde es auch nicht mehr funktionieren. Das funktioniert nur durch diese Freundschaft und tiefe Verbundenheit. Und auch nicht nur unter uns Vieren, sondern auch die Leute, die mit uns zusammen arbeiten. Wir könnten jetzt zum Beispiel nie mit einem Mixer auf Tour fahren, der ein super Mixer ist, aber ein totaler Idiot. Das würde man einfach nicht aushalten.
Tx: Würdet ihr selbst eure Musik mit der von Neil Young vergleichen?
Dirk: Sehr gern, ja!
Jan: Also ich bin jetzt nicht so ein großer Neil Young−Fan. Aber man muss sich ja auch nicht immer in allem einig sein.
Tx: Es gibt auch immer wieder Gerüchte über Beatles−Parallelen. Vom Anfang des "Gegen den Strich" − Videos, das an Abbey Road erinnert, K.O.O.K als St.Peppers, weißes Album, etc. Ist das Absicht?
Dirk: Ich glaub einfach, dass die Beatles so was wie DIE pragmatische Band waren. Die haben einfach sehr viel vorgegeben im Bereich der Musik. Einfach die Mutter aller Rock−Bands und Formationen mit 4 gleichberechtigten Leuten. Von daher glaub ich, dass man jede Band irgendwie mit den Beatles vergleichen kann. Die Parallelen waren von uns nicht unbedingt beabsichtigt. Beim weißen Album war das aber schon so als Gag gedacht, aber alles Andere ist aber echt reiner Zufall.
Tx: Wo seht ihr euch als Band in den nächsten zwölf Jahren? Plant ihr das oder lasst ihr das auf euch zukommen, mehr so von Platte zu Platte?
Jan: Letzteres.
Dirk: Ich finde, man muss jede Platte ein bisschen so machen als wäre es die letzte. Klingt ein bisschen pathetisch, aber ... jedenfalls haben wir das immer so getan. Ich finde nichts bepisster als Bands, die sagen, bei der nächsten Platte sind wir da und bei der nächsten da und dann gehen wir noch einen Schritt weiter. Das machen manche Leute, aber das ist uns allgemein zu karrieristisch. Aber wenn es uns in zwölf Jahren immer noch gibt ... super.
Tx: Ist es für echt wichtig, eine Bedeutung im deutschen Rockbusiness zu spielen?
Dirk: Das hat sehr viel mit Eitelkeit zu tun. Jeder, der sagt, es ist ihm egal, was für eine Bedeutung man erlangt, würde lügen, weil man dann doch so eitel ist, dass man den Wunsch hat, Spuren oder einen Eindruck zu hinterlassen oder dass das Werk, sag ich mal so unwertig, erhalten bleibt und nicht nur temporär eine Rolle spielt. Das können wir selber aber am allerwenigsten beurteilen. Das sollten eher andere entscheiden, ob wir eine nachhaltige Bedeutung haben würden, bedeutsam für die Rockmusik an sich wären. Mal ganz platt gesagt, auch mit den Plattenverkäufen und Geld auf dem Konto... uns ist es eigentlich lieber, man hat acht oder sieben Platten gemacht, die sich alle sechzig− bis siebzigtausend mal verkauft haben als eine, die sich sechshunderttausend mal verkauft hat.
Tx: Wird Tocotronic live wie auf Platte vorerst eine Gitarrenband bleiben oder wird Rick auch mal wieder als Keyboarder eingesetzt?
Jan: Gitarrenband.
Dirk: Gitarrenband.
Jan: Wir haben keine Pläne für Keyboard.
Tx: Zum Stichwort Gitarre: Dirk, warum hast du während der "K.O.O.K."−Tour deine Gitarre gewechselt? Was ist mit der alten "Höfner" passiert?
Dirk: Ich habe mir bei dem Gitarrenbauer Frank Deimel, dem Bruder von Peter Deimel, der unsere "K.O.O.K."−Platte aufgenommen hat, eine Gitarre gekauft. Der ist Gitarrenbauer, der baut auch Gitarren für Lee Renaldo von "Sonic Youth". Der sitzt hier in Berlin und die ist sehr, sehr gut und ist die beste Gitarre, die ich je hatte und deshalb spiele ich die seitdem. Die "Höfner" sah gut aus, klang aber nicht so gut.
Tocotronic im Wandel der Zeit
Tx: Nun ein paar Fragen zu Tocotronic im Wandel der Zeit.
Stephan: Wie viel habt ihr denn noch?
Tx: Nach diesem Themenkomplex haben wir noch ein paar Fragen, die auch mit einem kurzen Statement beantwortet werden können. Das sind mehr so diese Unterwäschefragen, zu denen ihr vielleicht auch gar nicht so viel sagen wollt...
Dirk: Themenkomplex... Unterwäschefragen... oha.
Tx: ... und dann kommen wir noch zum neuen Album.
Stephan: Dann legt mal los.
Dirk: Wir labern nicht mehr so viel.
Tx: Vielleicht können wir noch ein paar weglassen.
Dirk: Nee, macht ruhig. Hat so ein bisschen was von einer Psycho−Sitzung hier [Gelächter].
Stephan: Ich lerne hier auch noch etwas.
Tx: Eure Intention heute Musik zu machen, scheint eine andere zu sein als damals. Habt ihr eure Probleme und den Hass, den man damals so durchklingen hören hat, bewältigt und hinter euch gelassen?
Dirk: Der Ansatz Musik zumachen ist genau derselbe. Auch bei den Texten vom Anfang bis jetzt.
Tx: Nur, dass ihr früher unzufriedener wart und dass so ausdrücken musstet?
Jan: Wenn man die neue Platte hört, dann wird man diese Frage mit einem klaren Nein beantworten können.
Tx: Okay... Ist das Bandgefühl noch das gleiche wie damals?
Dirk: Besser, weil wir einfach...
Jan: Beispielweise Konflikte trägt man vorher in sich aus, weil ich genau weiß wenn ich das sag, dann denkt Dirk das und umgekehrt. Ist schon ganz schön, wie nahe man sich da ist. Man muss sich halt näher kennen lernen, um das herauszufinden.
Tx: Man hat das Gefühl, dass teilweise diese damalige "Lo−fi"−Leidenschaft jetzt so einer Art Perfekt−Pop gewichen ist.
Dirk: Hört euch mal die neue Platte an... Stillstand ist einfach doof. Wenn man so eine "Lo−Fi"−Leidenschaft über Dauer kultiviert, wird es ja auch langweilig. Man kann das so und weiß, wie es zu klingen hat, dann reproduziert man sich nur so. Wie gesagt, das ging dann von den ersten Platten bis zur "K.O.O.K." und bei der Weißen wurde es dann immer aufgedonnerter und wir hatten mehr Spaß im Studio zu experimentieren. Das ist vielleicht auch so eine "Beatles"−Parallele. Das letzte Album "Pure Vernunft" haben wir, wie gesagt, in sechs Tagen eingespielt und da gibt es vielleicht drei oder vier Overdubs, so wie man das nennt, also das ist alles, was live wir im Studio gespielt haben und höchstens bei ein, zwei Stücken noch eine kleine Gitarre draufgespielt. Insofern war die letzte Platte vielleicht nicht "Lo−fi", aber fast dogmatischer als die erste Platte.
Tx: Wie wichtig ist es euch Musik zu machen im Vergleich zu früher?
Dirk: Genau so wichtig. Das ist einfach das, was einem schlaflose Nächte bereitet, aber auch die größten Glücksmomente beschert. Das ist also ziemlich gleich geblieben.
Sideprojekte
Tx: Haben die Soloprojekte Einfluss auf euch als Band? Kann man sagen, dass der Stellenwert der Band für das Musikmachen dadurch beeinflusst wurde?
Dirk: Unbewusst bestimmt. Es ist einfach ganz beglückend, dass wir alle vier unsere Soloprojekte haben, wo man auch mal mit anderen Leuten zusammenarbeitet. Das ist im besten Fall natürlich immer eine Beeinflussung. Man lernt nie aus, man entwickelt sich weiter. Aber die Band an sich tangiert es eigentlich nicht.
Tx: In dem Zusammenhang auch noch mal einen persönlichen Glückwunsch zu dieser Idee "Gegen den Strich" in allen Sideprojekten noch mal neu aufzunehmen. Das finde ich echt klasse.
Jan: Danke. Das haben wir auch als schön empfunden.
Tx: Eure Soloprojekte gehen ja alle in sehr verschiedene Richtungen. Ist Tocotronic dadurch vielleicht als der kleinste gemeinsame Nenner anzusehen?
Jan: Nee. Also diese ganzen Solo−Projekte die handeln eben von was Anderem als Tocotronic handelt. Das überschneidet sich eigentlich erstmal nicht. Und da es sich nichts überschneidet, kann es auch kein kleinster gemeinsamer Nenner sein.
Dirk: Ja, würd ich auch so sehen.
Tx: Okay, dann noch mal zu kurz zu anderen Nebenprojekten. Dirk, du hattest ja angekündigt, dass da ein Buch kommen sollen mit all deinen Texten drin.
Dirk: Ja, das kommt jetzt raus, im April. Das ist eine Sammlung der Texte. Es gibt eine Sektion von den frühen Texten der ersten 4 Platten, das sind aber nicht alle, das wäre zuviel gewesen. Dann gibt es eine Sektion K.O.O.K, davon auch nicht alle. Aber von den neueren Alben fast alle.
Tx: Sind das dann nur Tocotronic−Texte oder auch Phantom/Ghost?
Dirk: Nur Tocotronic. Aber es ist kein Buch in dem Sinne, es kommt bei keinem Buchverlag raus, sondern bei der Galerie Daniel Buchholz. Die haben das so als Kunst−Edition gemacht in der Zusammenarbeit mit vier bildenden Künstlern: Cosima von Bonin, Michael Krebber, Hendrik Olesen und Sergej Jensen. Die haben das so gestaltet, das Buch. Das sind eben Freunde von uns. Ist also eher eine Art Kunst−Edition als ein Buch. Ich glaube auch nicht, dass man das in gewöhnlichen Buchhandlungen wird kaufen können.
Was wir schon immer wissen wollten, aber nie zu fragen wagten
Tx: Okay, dann zu den Fragen, was wir schon immer wissen wollten aber nie zu fragen wagten. Wo wollt ihr denn leben, wenn nicht hier?
Jan: [Schweigen] Ich geb die mal weiter, die Frage.
Dirk: Das ist ja so ne Frage mit der wir oft zur letzten Platte konfrontiert wurden, die einem ja oft den Wind aus den Segeln nimmt. Ich leb sehr gerne hier, es ging ja eher um so ein Grundgefühl, sich abfinden mit gewissen Sachen und ganz stark gegen dieses neugewachsene Gefühl von Nationalstolz und unverkrampftem Patriotismus. Also weniger darum, wo, in welchem Stadtteil, in welcher Stadt, in welchem Land man jetzt lebt.
Tx: Und im Hinblick auf den Albumtitel "Pure Vernunft darf niemals siegen": Welche Unvernunft ist denn am ehesten entschuldbar und hat Unvernunft auch Grenzen?
Dirk: Da wo sie dazu verleitet, anderen Menschen Schaden zuzufügen.
Tx: Und was war das Unvernünftigste, was ihr je getan habt und auf das ihr stolz seid?
Dirk: Stolz ist so ein Gefühl was uns eher relativ fremd ist. Aber es ging ja bei "Pure Vernunft" auch eher darum, die Grenzen zwischen Vernunft und Unvernunft so ein bisschen zu verschleiern. Es ist ja keine Apologie der Unvernunft oder sowas. Es sagt ja nicht: "Seid unvernünftig!" Eine Anstiftung dazu, bestimmte Dinge mal von der Position der Unvernunft und des Warnens zu betrachten. Aber das muss ja letzten Endes jeder für sich selber entscheiden.
Tx: Nun wird es ein bisschen politisch. Wie habt ihr den Flaggenwahn während der Fußball−WM wahrgenommen?
Dirk: Also ich kann jetzt mal nur von mir sprechen. Desinteressiert, weil mich Fußball einfach überhaupt nicht interessiert. Also während der WM hat es mich weniger gestört, als wenn sie jetzt immer noch hängen. Dann würde ich meinen, wird es gefährlich.
Jan: Also ich glaube so ein "Flaggenwahn" war das gar nicht. Eher das was danach und parallel dazu in den Zeitschriften herbei geschrieben wurde. Hier ist der neue unverkrampfte Patriotismus! Das hat mich wirklich genervt. Aber die Fußball−WM selber habe ich gar nicht so wahrgenommen.
Dirk: Also dass man während der WM mal so ein Wimpel an sein Auto hängt, scheint mir okay. Habe ich ja auch gemacht und mit dann den halben Tag mit meinem Opel Corsa um den Block gefahren.
Tx: Könnt ihr euch denn noch erinnern, wo ihr wart als Lehmann den entscheidenden Elfmeter gegen Argentinien gehalten hat?
Dirk: Kann ich nicht sagen, ich weiß nicht einmal wer Lehmann ist.
Jan: Gegen Argentinien? Also ich habe ja schon so ein bisschen Fußball geguckt, aber ich habe das alles wieder vergessen. Wir sind da indifferent, glaub ich.
Tx: Also in dem Moment wart ihr nicht vorm Fernseher?
Jan: Was war denn das für ein Spiel gewesen?
Tx: Viertelfinale, Elfmeterschießen!
Dirk: Lassens wir es lieber, wir blamieren uns nur [Gelächter].
Jan: Ich glaub ich war schon vorm Fernseher.
Dirk: Ich auch, ich habe wahrscheinlich beim Bügeln fern gesehen! Ich guck ganz gern Sportfernsehen, vor allem beim Bügeln.
Jan: Ich habe letztens die Dart−WM geschaut! Ich guck nicht so oft Fernsehen, aber da habe ich mir die Dart−Meisterschaften auf Englisch angeguckt, das war sehr beeindruckend.
Dirk: Da warst du ganz beglückt!
Jan: Ja, sehr beglückt! 5000 besoffene Engländer gucken sich Leute an, die Darts werfen. Der Sport sollte unbedingt noch mal einen Popularitätsschub erfahren! [Gelächter]
Dirk: Tennis guck ich manchmal auch ganz gern. So Plick−Plock, Plick−Plock, das ist manchmal ganz schön.
Tx: Tischtennis?
Dirk: Nee, normaler Tennis. Aber du merkst, die Herangehensweise an Sport bei uns ist auch eher schrullig.
Tx: Von welchen Idealen hat euch die Lebenserfahrung in den letzten Jahren getrennt?
Dirk: Insgesamt ist man wahrscheinlich schon etwas unideologischer geworden.
Jan: Wenn man sich so in dieser Musikszene befindet, ist man misstrauischer, aber alles im Rahmen. Viel getan hat sich da nicht.
Tx: Wir haben auch noch eine echt interessante Frage, die per Mail reinkam. Inwiefern ist denn die Flucht ins Irrationale als Protest gegen das Vernunftdiktat vertretbar, wo doch die Gefahr besteht, dass die Irrationalität als künstlerische Haltung (so wie von euch vertreten) und Weltanschauung ebenso zu einer reaktionären und menschenverachtenden Ideologie verleiten kann (siehe Gottfried Benn), wie der unbedingte Vernunftglaube in die Barbarei führen kann (wie von Adorno/Horkheimer gezeigt wurde)?
Dirk: Ja, ehm...
Dirk: [Schweigen, Jan und Dirk lesen sich die Frage noch mal durch.] Wie soll ich sagen, ich hab's gleich...
Jan: Er hat's gleich!
Dirk: Die Flucht ins Irrationale ist eben genau in dem Maße zu vertreten, in dem sie nicht zu einem reaktionären Denken verleitet. Wie bei Gottfried Benn. Das ist eben die Gefahr. Wie hier in der Frage sehr schön beschrieben wird, gibt es eben einen unbedingten Vernunftglauben, also diese Kant'sche Tradition. Die Barbarei in diesem Bereich speist sich zu genau gleich großen Teilen auch aus diesem Glauben ans Irrationale. Dieses ganze Mystische was da vorherrschte. Und das ist halt eine schmale Gradwanderung. Deshalb heißt es bei uns auch "Pure Vernunft darf niemals siegen" und nicht "Unvernunft muss leben!" oder so. Es ist wirklich genau in diesem Adorno−Sinne gemeint gewesen.
Jan: Traditionell sind wir da eher bei Adorno als bei Benn, kann man sagen. Also grundsätzlich.
Dirk: Aber es ist natürlich diese Idee, was Irrationales, oder das Beglückende an dem, was man eskapistisch nennen kann, aufzugreifen. Hat was sehr Protesthaftes, gerade in einer Zeit wie der Heutigen, wo man das Gefühl hat, dass eben keine Flucht aus dem Alltag stattfindet, sondern in den Alltag. Es kann den Leuten heutzutage ja nicht alltäglich genug sein. Es kann ihnen nicht authentisch und nicht ehrlich genug sein. Die Leute werden ja dazu verdammt, immer sie selber sein zu müssen. Und natürlich hat das ein bisschen emanzipatives Potential, wenn man sich mal... als Hobbit verkleidet. [Gelächter]. Das ist eben ein sehr, sehr weites Feld. Zu dem Zeitpunkt, als wir die Platte gemacht haben, habe ich einen sehr großen Widerwillen gegen dieses Authenzitätsdiktat wahrgenommen. Dieses Gefühl, dass einem immer wieder um die Ohren geknallt wird: "Sei du selbst, mach was du willst, sei so ehrlich wie du nur kannst!" Dieses ganze Kernige, was da mitschwingt. "Sei mal ein super Typ!". Sowas findet man halt ekelhaft. Und das Irrationale hat was sehr Angenehmes.
Tx: So ein bisschen wie bei "Das Unglück muss zurückgeschlagen werden".
Dirk: Genau.
Tx: Und inwiefern ist bei euch der Glaube an Gott oder irgendwas anderes Überirdisches vorhanden?
Dirk: Bei mir nicht. Ein Flirt mit dem Satanismus vielleicht.
Jan: Ich bin da Agnostiker.
Tx: Interessiert ihr euch für Wittgenstein? Da kam im Forum eine ziemliche Diskussion auf.
Dirk: Wurde ja auch an recht prominenter Stelle von uns zitiert. Aber ich habe das Gefühl, wenn wir solche Fragen beantworten sollen, weichen wir immer so ein bisschen aus. Das ist das Problem, wir interessieren uns halt für sehr Vieles, unter anderem auch Wittgenstein. Aber es ist nie so, dass man jetzt sagen kann: "Ja, der Mann war's!" Das geht ja ungefähr in die Richtung, welche Platten oder Schriftsteller wir gut finden. Letztendlich ist das so, als ob man gefragt wird: "Was sind eigentlich deine Hobbys?" Und ich habe keine Hobbys! Außer vielleicht mal Joggen gehen oder so. Und so in der Art ist das mit den musikalischen, literarischen und filmischen Fragen eben auch.
Jan: Man kann da schlecht ein vollständiges Bild geben, das ist so das Problem. Wenn man jetzt sagen würde, dass Wittgenstein uns beeinflusst, vernachlässigt man wieder was Anderes. Man hat es ja auch nicht selber so alles im Bewusstsein.
Dirk: Man muss dazusagen, dass wir so wir Elstern arbeiten. Man pickt sich hier und da was raus. Ich habe nicht den gesamten Wittgenstein gelesen. Hauptsächlich auch weil ich kein Wort versteh. [Gelächter] Aber wenn man da was findet, was einen anspricht... Also unsere Herangehensweise ist eben oft sehr diebisch und besten Sinne auch deletantenhaft. Das macht einen bestimmt auch sehr angreifbar. Jemand der sich jetzt ganz intensiv mit Wittgenstein beschäftigt hat, kann einen dann natürlich herrlich aufs Glatteis führen. Das ist uns aber egal, denn unsere Wissenschaft ist eher eine so Feucht−fröhliche! [Gelächter]
Tx: The place to be 2007: Hamburg, Berlin oder was ganz Anderes?
Jan: Ich bin ja Pendler und find beides schön.
Dirk: Ich wohn ja nun hier in Berlin und find's schön.
Tx: Okay, Dirk, nach 6 Zigaretten und Jan nach noch gar keiner: Ist der Wille vorhanden, mit dem Rauchen aufzuhören?
Dirk: Habt ihr etwa mitgezählt?!
Tx: Das war alles geplant hier!
Jan: Ich habe ja aufgehört.
Tx: Wann?
Jan: Vor 2 Jahren, 3 Monaten und 6 Tagen! So ungefähr.
Tx: Und du, Dirk?
Dirk: Ich bin ja Nichtraucher! Naja, nein, ich bin reiner Gelegenheitsraucher. Ich rauch in bestimmten Situationen und dann wochenlang wieder gar nicht mehr. Ich bin so ein Partyqualmer.
Tx: Ihr wolltet ja mal Teil einer Jugendbewegung sein, was kommt euch in den Sinn, wenn ihr euch die heutige Jugend so anschaut?
Jan: Die Frage hat ja so eine Unterstellung in sich. Eine sehr direkte Interpretation dieses Stückes. Bin ich überfragt, das gibt es ja gar nicht, so "die Jugend".
Dirk: Das greift so ein bisschen zurück auf das, was wir meinten mit dem Alter und dem Erwachsenwerden und so was. Das ist was, worüber ich mir ehrlich gesagt noch nie wirklich Gedanken gemacht habe. Ob das junge Leute oder alte Leute sind. Ich find es eher interessant, wie Leute sind und nicht, ob die jung oder alt sind. Jugend an sich ist ja noch keine Qualität. Bei dem Stück würde ich dem Wort "Bewegung" eine wichtigere Bedeutung zuschreiben, als dem Wort "Jugend".
Tx: Okay, Dirk, was hat es denn mit dem Buffy−Shirt auf sich?
Dirk: Mit dem Buffy−Shirt?
Tx: Ja. Mal vorweg: War das immer das Gleiche?
Dirk: [Gelächter] Ich habe 2! Oh Mann, jetzt wird es peinlich. Ich habe 2 und unterwegs 3 in einer Truhe. Man kann die so ganz gut nachts im Hotelzimmer auswaschen und die trocknen dann bis zum nächsten Tag.
Tx: Ging es dir da um das Dämonen−Thema?
Dirk: Bin totaler Fan der Fernsehserie gewesen. Ich habe alle Folgen gesehen und fand die ganz toll und dann fand ich das T−Shirt auch ganz gut.
Tx: Bezieht sich denn auch das Lied "Willow" von Phantom/Ghost auf den Charakter der Serie?
Dirk: Klar. Ist für die Figur "Willow" geschrieben.
Neue Platte
Tx: Okay, dann kommen wir jetzt zum Thema "Neue Platte" und somit zum Endspurt sozusagen. Gibt es für das Album schon einen Namen, den ihr uns hier feierlich präsentieren wollt?
Jan: Ja. Die Platte heißt "Kapitulation".
Tx: Ist das jetzt so was wie Destroyer, oder ist das defintiv der Titel?
Jan: Defintiv der Titel und wird im Juli bei Universal erscheinen.
Tx: Vor was kapituliert ihr dann? Oder vor was kapituliert die Platte?
Dirk: Vor nichts. Es geht um die Idee, Kapitulation als Trost aufzufassen. Es geht darum, Leuten Mut zu machen, auch sagen zu können: "Ich kann nicht mehr."
Tx: Das Lied "Verschwör dich gegen dich" ist ja nun in Verdacht, die erste Single zu werden. haben wir da Recht?
Dirk: Nein, das ist nur weil wir das gespielt haben bei dem Reeperbahnfestival und weil das aufgezeichnet wurde von Hamburg1. Deshalb ist es bei YouTube gelandet.
Tx: Gibt es denn schon Hinweise auf die erste Single?
Jan: Nee, noch nicht.
Dirk: Da sind wir noch grad am Überlegen. Wir hatten gestern ein großes Treffen mit Universal und deshalb, kann ich zumindest von mir sagen, sind wir auch ziemlich verkatert. [Gelächter] Und da haben wir das eben besprochen.
Stephan: Das ist alles noch ein ungelegtes Ei, das werden wir in den nächsten Wochen erarbeiten und durchdiskutieren und dann wird das peu á peu auch weitergegeben.
Tx: Habt ihr denn noch ein paar Songtitel im Kopf, die jetzt auch schon stehen?
Stephan: Würd ich jetzt ein bisschen hinten anstellen noch.
Jan: "Kapitulation" ist auch ein Songtitel und "Verschwör dich gegen dich" ist ja schon bekannt. Die Songtitel sind allesamt sehr knallig.
Dirk: Ist jetzt ein bisschen früh noch, den Überraschungsmoment möchte man sich noch etwas aufsparen. Aber wir informieren euch.
Jan: Ja. Das wäre ja jetzt auch etwas doof, wenn man jetzt schon einen Song nennt, der dann letzten Endes doch nicht auf der Platte ist, oder so. Ist alles noch sehr in Arbeit. Ist zwar größtenteils abgemischt, aber alles fertig ist trotzdem noch nicht.
Tx: Haben sich denn die Anteile der einzelnen Mitglieder an diesem Album geändert? Wir denken da so ein wenig an Rick als Instrumentalisten.
Dirk: Ja, Rick ist bestimmt viel mehr involviert in die Band als noch bei der letzten Platte. Das ist einfach ein ganz natürlicher Prozess. Bei der letzten Platte kam uns das auch schon so vor, aber es ist ganz klar, der spielt jetzt schon Jahre bei uns und ist viel stärker mit uns auch gewachsen. Der Bandsound ist einfach kompakter jetzt. Wir sind einfach viel mehr eine 4−Mann−Band als noch bei der letzten Platte.
Tx: Und mit welchem Erfolg rechnet ihr für die neue Platte? Nicht im Sinne von Chartplatzierungen, sondern eher Aufmerksamkeit, Gesprächsthema, usw.
Jan: Man hofft als Band natürlich, dabeizubleiben. Aber man sitzt jetzt auch nicht jede Nacht da und denkt "Oh Gott, hoffentlich klappt's" oder so. Über die Jahre entwickelt man da zum Glück eine Art Gelassenheit zu sich selbst und seiner Arbeit.
Dirk: Erfolg wäre für uns schon, sich nicht zu wiederholen und immer was Relevantes sagen zu können. Das ist immerhin schon die 8.Platte. Und es gibt jetzt nicht so viele Bands, die schon so viele Platten gemacht haben.
Jan: Ja, das stimmt.
Tx: Wie würdet ihr das neue Album mit nur 3 Worten charakterisieren?
Dirk: Es ist ziemlich rockig geworden. Die Herangehensweise ist relativ roh und unaufgeblasen. Aber es wirkt sehr groß, weil es so räumlich aufgenommen worden ist. Im Gegensatz zum letzten Album hat das schon etwas sehr Mächtiges. Und man kann einen gewissen Zorn spüren.
Tx: In einem Newsletter war ja auch zu lesen von dem wohl schnellsten Tocotronic−Stück aller Zeiten.
Dirk: Ja, wir haben ein Stück auf der Platte, was sehr sehr schnell ist und mal wieder knapp 2 Minuten lang. Erinnert so ein bisschen an so Punk−Songs. Ob es jetzt das Schnellste ist...
Jan: Da müsste man wohl noch mal die Beats messen, muss man mal nen DJ fragen.
Dirk: Aber uns kam es auf unsere alten Tage schon ziemlich schnell vor. [Gelächter]
Tx: Habt ihr irgendwelche neuen musikalischen Wege eingeschlagen, es war ja mal die Rede von Chören?
Dirk: Ja, wir haben bei zwei Stücken Chöre auf der Platte. 5 Frauen, die bei uns vorgesungen hatten. Es klingt sehr, sehr schön.
Tx: Sonst noch andere Experimente?
Jan: Naja, eine neue Platte ist immer ein Experiment. Wir haben versucht, Grenzen auszuloten. Bei der Pure Vernunft−Platte war das ja alles sehr in einem Tempo gehalten. Es hat uns diesmal mehr interessiert, in die Extreme zu gehen, auch was den Sound angeht. Ein Experiment bei einem Stück war auch die Aufnahmetechnik. Das haben wir sehr leise gespielt, aber alle Verstärker komplett aufgerissen. Es wurde also auch im Aufnahmeprozess viel experimentiert.
Dirk: Auch zusammen mit Moses, unserem Produzent, der hat sich sehr an einer Aufnahmetechnik orientiert, die man eigentlich für klassische Musik wählt. Das heißt 3 Mikros, die man im Raum positioniert und somit die Band als Ganzes aufnimmt und nicht die einzelnen Instrumente. Und der Anteil dieser Raum−Mikrofone ist ziemlich hoch. Das war an sich schon ein sehr experimentelles Arbeiten, was sonst heutzutage eher selten noch gemach wird.
Tx: Kann man sagen, dass die Platte so "retro" ist, also eher in die erste Phase von euch wieder reingeht?
Jan: So einen Begriff wie "retro" würd ich jetzt ganz groß in Anführungsstriche setzen. Wenn die Platte jetzt "retro" oder "back to the roots" wär, wäre das natürlich wahnsinnig deprimierend für einen selber. Wenn man mit einem solchen Ansatz da rangehen würde. Aber es gab keine Berührungsängste, auch mal wieder einen Verzerrer zu benutzen, oder so.
Dirk: Ja, auch beim live spielen haben wir so extremen Gefallen daran gefunden, diesen rockigen Sound auch mal wieder zuzulassen bei uns, was uns ne ganze Zeit lang nicht so besonders interessiert hat. Weil wir auch einfach das Gefühl hatten, es läuft sich so tot. Wir waren damals auch von sehr viel elektronischer Musik beeinflusst. "Back to the roots" klingt schrecklich, aber ich würd sagen, das ist so eine Mischung aus dem, was wir bei den letzten Platten gemacht haben und ganz früher. Das könnt ihr aber glaub ich auch besser beurteilen, wenn ihr es hört, als wenn wir das sagen.
Tx: Gibt es denn bestimmte Songs von der Pure Vernunft−Platte die auf dem neuen Album nicht auffallen würden? Wir haben exemplarisch mal "Cheers for fears", "Mein Prinz" und "In tiefsten Tiefen" rausgesucht. Welcher davon würde am wenigsten auffallen?
Jan: Ich würd sagen, die würden alle auffallen. Weil der Sound, den unser Produzent Moses erarbeitet hat einfach in eine andere Richtung geht. Aber "Mein Prinz" würde am wenigsten auffallen.
Dirk: Einfach, weil es das "Songhafteste" ist. "In tiefsten Tiefen" war einfach so ne Jam−Geschichte und "Cheers for fears" war ein elektronisches Stück, was Arne gemacht hat und wo ich den Gesang zu brachte. Also ist "Mein Prinz" von den dreien das, was am nächsten dran ist. Aber grundsätzlich ist die Herangehensweise von der Platte zur Letzten 180 Grad anders! Die letzte Platte wurde in einem ganz ganz kleinen Raum aufgenommen, der total schallisoliert war und deshalb gibt es der Musik so etwas "Trockenes". Das war aber damals auch genau die Idee einer "Dogma−Platte". Da ist eben genau das, was in diesem winzigen Raum passiert ist, auf der Platte zu hören, bis auf ein zwei zusätzliche Sachen - Aber eben nicht mehr! Und bei der Neuen Platte ist das ganz anders, die wurde in einem ganz großen Raum eingespielt. Die Herangehensweisen ist einfach genau das Gegenteil. Es klingt sehr räumlich!
Tx: Wie wichtig waren zum einen der Sound und zum anderen der Song an sich?
Jan: Schon gleichbedeutend.
Tx: Es klang aber eben schon so, als würdet ihr euch in dieses Soundding richtig...
Jan: Ja, aber eine guter Sound bringt nichts, wenn man nicht den passenden Song dazu hat.
Dirk: Und ein Song klingt dann am besten, wenn man einen adäquaten Sound dazu hat.
Jan: Die sind halt gleichberechtigt.
Dirk: Genau so wie Musik und Text. Text ohne Musik ist ziemlich öde. Das ist auch so diese Frage nach den Textinterpretationen. Man darf ja nicht vergessen, es sind Texte für Lieder und keine Romane oder Gedichte. Es sind eben Songtexte.
Tx: Welches eurer Alben mögt ihr am liebsten?
Dirk: Naja, wenn man gerade halt ein Album fertig gestellt hat, dann ist man damit besonders glücklich oder oft verklärt man Dinge.
Jan: Das ist wie mit den Charts erst. Man macht da keine persönliche Reihenfolge.
Dirk: Besonders die frühen Alben sind auch eben sehr weit weg. Wir stehen natürlich total dazu, aber man darf nicht vergessen, die Stücke da drauf sind jetzt fünfzehn Jahre alt und ich glaube, man war da auch ein anderer Mensch. Ich kann jetzt noch mal auf Karl Lagerfeld kommen, neulich habe ich so einen Dokumentarfilm gesehen über den bei der Berlinale und da wurde so eine alte Kollektion gezeigt, die er 1979 oder 80 gemacht hat in so einem alten Fernsehausschnitt von einer Modenschau. Er wurde gefragt, wie er jetzt dazu steht und er meinte, er könne nichts dazu sagen, weil er da ein anderer Mensch war. Man pendelt eben so ein bisschen dazwischen, dass man stolz darauf ist, was man gemacht hat, aber andererseits ist es einem sehr fremd.
Tx: Welche Meinung habt ihr heute von Tocotronic 1994?
Dirk: Es war einfach eine gigantische Zeit, auch weil man eben freundschaftlich miteinander verbunden war. Der Weg, den wir damals gegangen sind war ein sehr beglückender und schöner. Wenn man sich das manchmal anhört, dann denkt man schon so "Oh Gott!", aber das macht man ja nicht so oft, weil es wäre halt etwas narzisstisch, wie Jan schon meinte. Das sollte man tunlichst vermeiden. Musiker, die ihre eigenen Platten anhören sind das Schlimmste, was es gibt.
Tx: Du hattest in einem anderen Interview auch mal erwähnt, dass du "Ich bin neu in der der Hamburger Schule" heute nicht mehr so in Ordnung findest.
Dirk: Nee, das hätte man vielleicht nicht machen sollen.
Tx: Was für eine Meinung hätten Tocotronic 1994 von Tocotronic 2007?
Dirk: Das kann man wirklich nicht beurteilen, das sind so Gedankenspielereien. Man war eben, wie schon gesagt, ein ganz anderer Mensch.
Jan: Bin ich auch überfragt.
Dirk: Wir haben halt über die Jahre sehr viele Stücke geschrieben. Das sind jetzt fast 160 oder so und davon findet man ein paar immer noch super und ein paar findet man auch nicht mehr so doll. Schwer zu sagen.
Tx: Wann werden wir euch wieder live sehen können?
Jan: Zwei Konzerte stehen bereits fest. Das eine ist in Hamburg im "Übel & Gefährlich" am 15. Mai.
Tx: Einen Tag nach meinem Geburtstag!
Dirk: Das haben wir extra so gelegt. Wussten wir natürlich!
Jan: Das ging ja gar nicht anders! Das andere ist am 17. Mai in Berlin in der Volksbühne. Die richtige Tour wird aber erst nach den Festivals ab Oktober sein.
Tx: Nehmt ihr auch ein paar Festivals mit?
Jan: Wir schauen gerade, was da im Angebot ist. Steht aber noch nichts fest.
Tx: Eine allerletzte Frage: Wann glaubt ihr, fliegt der ganze Schwindel auf?
Dirk: Bald!

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